Grunewaldturm auf dem Karlsberg

“Das in vier mächtigen gotischen Bogen sich öffnende Untergeschoß ist zu einer Gedächtnishalle bestimmt, in deren Mitte ein Marmorbild Kaiser Wilhelms Aufstellung findet, während Bronzetafeln an den vier Eckpfeilern die Paladine des greisen Fürsten verewigen…… “ beschrieb Berdrow die Halle im Jahre 1902

Wer gerne den Grunewald erkunden möchte, hat vom Grunewaldturm aus, welcher auf dem Karlsberg steht, einen guten Ausgangspunkt. Zu erreichen ist der Grunewaldturm über die Havelchaussee mit dem Auto oder aber mit der BVG-Traditionsbusausflugslinie 218. Am Turm gibt es für Autos zahlreiche gebührenfreie Parkplätze.

Man kann von dort aus zum Havelufer hintuntergehen und nördlich die Dachsberge und südlich die Lieper Bucht oder die Insel Lindwerder (Restauration) erkunden. Es besteht aber auch die Möglichkeit, westlich der Havelchaussee den Grunewald in Richtung Saubucht zu durchwandern. Hier bieten sich als Ziele neben dem ehemaligen Forsthaus Alte Saubucht die kleinen Seen Das Auge Gottes, der Barsch– und der Pechsee an und etwas weiter weg gelegen auch das Dahlemer Feld.

Kehrt man dann zum Turm zurück, ist bei guter Sicht eine Turmbesteigung sehr empfehlenswert. Von seiner Spitze aus eröffnet sich eine schöne Ansicht auf die Berliner Unterhavel. Die unten bei Berdrow 1902 beschriebene Fernsicht bis nach Berlin-Mitte ist jedoch etwas übertrieben und trifft heute so nicht (mehr) zu.

Wer es steil mag: Der Anstiegsweg zwischen der Wasserrettungsstation Grunewaldturm und der Lieper Bucht ist neben dem ehemaligen Skihang am Teufelsberg einer der steilsten Anstiege im Grunewald. Der Weg mündet dann oben direkt am Turmrestaurant.

Kulinarisch besteht danach die Einkehr ins Turmrestaurant oder ins nah gelegene Waldhaus (m. W. leider keine Webseite). Die bekannte Minigolfanlage unterhalb des Turms wurde leider vor einigen Jahren abgerissen und durch einen etwas profanen Biergarten ersetzt.

Der Kaiser-Wilhelm-Turm wurde am 05. Juni 1899 eingeweiht.

Am 15. September 1948 erfolgte die Umbenennung in Grunewaldturm. Allerdings wurde der Turm auch schon weit vor der offizielen Umbenennung als Grunewaldturm bezeichnet (1930 / 1932 und hier).

Der Turm wurde vom Kreis Teltow zur Erinnerung an den hundertsten Geburtstag des 1888 verstorbenen König Wilhelm I von Preußen gebaut. Wilhelm I. war seit 1861 König von Preußen und seit 1871 gleichzeitig Deutscher Kaiser. Während der Kreis Teltow sich bei seiner Ehrung auf den preußischen Königstitel bezog, gratulierte Wilhelm II. bereits bei der Einweihung per Telegramm zum Bau des „Kaiser-Wilhelm-Turmes“.

Den hier vorhanden Postkarten aus dem Jahre 1899 und der Schilderung von Berdrow aus dem Jahre 1902 ist zu entnehmen, dass sich der Name “Kaiser-Wilhelm-Turm” offensichtlich sofort durchgesetzt hat. Nur am Turm selbst prangt weiterhin die Bezeichnung „KOENIG WILHELM I ZUM GEDAECHTNISS“.

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1894 Fontane, Seite 17-18 (als es den Grunewaldturm noch nicht gab):

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Wir gehen nun (vom Dachsberg kommend) bergab zur Chaussee hinunter und verfolgen diese 10 Min. rechts hinauf bis zu der links am Wege stehenden Tafel der Chausseebau-Verwaltung, woselbst nach rechts ein Weg zum nahen Rande des steil zur Havel abfallenden, 76 m. hohen Karlsberges führt.
Wir hatten schon von der Chaussee aus mehrfach schöne Durchblicke nach der Havel, so erregt die Aussicht vom Karlsberge nunmehr unsere volle Bewunderung. Nach links zu dehnt sich in seengleicher Breite die blaue Havel mit dem lieblichen Lindwerder und dem größeren Kladower Sandwerder aus. Am Kladower Werder links vorüber schließt der große Wann-See sich an, während nach rechts zu die eigentliche Havel, an der schönen Pfaueninsel vorüber, nach Potsdam weiterzieht. Die mächtige Landzunge, welche vom gegenüberliegenden Ufer halblinks in die Havel hineinragt, ist das Breitehorn und der Ort halbrechts das freundliche Gatow. Dort drüben tobte am 14. Juli 1157 die Schlacht zwischen den Heeren Albrechts des Bären und des Wendenfürsten Jaczo von Köpenick (s. Seite 14 / Schildhorn). Rechts vom Karlsberge, die Havel hinauf, grüßen die Thürme Spandaus zu uns herüber. Zum Ganzen genommen ist die Aussicht vom Karlsberge von einer solchen Mannigfaltigkeit, Schönheit und Größe, wie wohl keine Zweite in der Nähe Berlins. Das Landschaftsbild wird geradezu märchenhaft schön, wenn die Sonne im gegenüberliegenden Westen untergehen will und mit ihren letzten Strahlen ein goldenes Roth über die Wälder und die glitzernde Havel ergießt.
1902 Berdrow, Seite 16-18:

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„.…Auf dem Karlsberg winkt der riesige Kaiser-Wilhelm-Turm als erstrebenswertes Wanderziel, das wir in einer guten Viertelstunde bequem auf der Chaussee erreichen.
Von der Plattform des Turmes ersteigen wir auf 180 Stufen das reichgegliederte, mit einem massiven Helm gekrönte Obergeschoß, aus dessen vier Bogenöffnungen sich prachtvolle Ausblicke auf die nähere und fernere Umgebung des Grunewaldes bieten
….. – es erfolgt dann eine umfangreiche Ausichtsbeschreibung, hervorzuheben als “historische” Fernziele – : der neue Dom, die goldstrahlende Kuppel des Reichstagsgebäudes, der schlanke Riesenturm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.
Nicht nur als Aussichtsturm ersten Ranges, auch als hervorragendes Bauwerk erfordert der Kaiser-Wilhelm-Turm eingehende Betrachtung.
Nachdem der Kreis Teltow beschlossen, dem Andenken des ersten deutschen Kaisers am Ufer der Havel eine weithin ragende Warte zu weihen, und seitens der Regierung die Genehmigung zur Bebauung des Karlsberges erteilt war, wurde Baurat Franz Schwechten mit dem Entwurf des Denkmals betraut.
Der gewählte Platz ist unstreitig im Grunewald der geeignetste, indem der dicht an die Havel vorspringende Karlsberg auf der Chaussee bequemer zu erreichen ist und einen freieren Blick auf die Stromlandschaft gewährt, als der 18 Meter höhere, aber mehr landeinwärts liegende Gipfel des Havelberges.
Nach Osten hin bildet der Kiefernwald einen wirksamen Hintergrund, nach Westen fällt die zum Teil durch Auftragung und Einebnung des Bodens geschaffene Terrasse steil zum Flusse ab.
Auf ihr erhebt sich über dem aus Kiesbeton hergestelltem Fundament der Turm zu einer Höhe von 55 Meter über den Bauplatz oder 105 Meter über den Havelspiegel…
Wie hoch das Publikum diesen neuen, von Schildhorn oder der Saubucht aus schnell zu erreichenden Anziehungspunkt im Grunewald schätzt, geht aus den Besuchsziffern hervor.
Im Laufe der ersten acht Monate nach seiner Eröffnung wurde der Turm von 91.000 zahlenden Personen bestiegen. Dazu kamen noch ohne Entgeld mehr als 7.000 Schüler und Soldaten. Das erste Jahr brachte statt der erwarteten Einnahmen von 5.000 Mark mehr als das dreifache, nämlich 18.000 Mark, welche größtenteils zur Ausschmückung des Bauwerkes und seiner Umgebung verwendet wurden. Seitens der rund 100.000 Besucher des Turmes während der ersten acht Monate wurden 62.888 Ansichtskarten versandt, eine Thatsache, die den Stephansjüngern des nahen Spandaus manchen Seufzer entlockt haben wird.”
1928 Private Propagangapostkarte:

Diese Veröffentlichung dient den Zwecken im Sinne § 86 Absatz 3 StGB.

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Die Karte wurde im Oktober 1928 postalisch befördert. Vorangegangen war im Mai 1928 die Wahl zum 4. Deutschen Reichstag. Die NSDAP konnte hier nur 2,6 % der Stimmen erzielen, allerdings waren im Reichstag 15 Parteien vertreten und eine Große Koalition aus SPD, Zentrum, BVP, DDP und DVP unter Kanzler Hermann Müller (SPD) scheiterte im März 1930. Bei der folgenden Reichstagswahl im September 1930 konnte die NSDAP dann 18,2 % der Stimmen erzielen und wurde hinter den Sozialdemokraten zweitstärkste Kraft.

Als Briefmarke wurde eine im Jahr 1926 herausgegebene Briefmarke mit dem Bildniss “Friedrich der Grosse” verwendet. Wikipedia schreibt (Stand 18.11.2011):
Ihren Höhepunkt erreichte die Glorifizierung Friedrichs im Dritten Reich unter der Federführung des Propagandaministers Joseph Goebbels. Das Regime bezeichnete ihn nicht nur als „ersten Nationalsozialisten“, Friedrich und dessen Gefolgsleute wurden auch zum Inbegriff deutscher Disziplin, Standhaftigkeit und Vaterlandstreue stilisiert. So rechtfertigten die Nationalsozialisten in den letzten Kriegsmonaten beispielsweise die Einberufung der Hitlerjungen zum Volkssturm mit der Begründung, Friedrich habe auch 15-jährige Adelssöhne zu Leutnants erhoben. So wurde die Legende des charismatischen Preußenkönigs jahrhundertelang von politischen Machthabern missbraucht; ob er als „undeutsch“ oder „deutschnational“ bezeichnet wurde, unterlag dabei dem jeweiligen Zeitgeist.”

Zusätzlich aufgetragen ist eine Reklamemarke des “Deutschen Turnerbundes 1919”, ein nationalistisch geprägter Verein, in dessen Leitsätzen es heißt:
Den Angehörigen des „Deutschen Turnerbundes 1919“ ist die Mitwirkung an Wettbewerben und Schauvorführungen anderer Leibesübungen betreibender Verbände nur dann gestattet, wenn daran ausschließlich Angehörige germanischer Volksstämme teilnehmen. Anhänger internationaler Richtungen haben kein sittliches Recht, dem „Deutschen Turnerbund 1919“ anzugehören.
(Erwin Mehl, 1922. Grundriss des deutschen Turnens, Seite 13).
 
Deutschland Erwache: Wikipedia Stand 22.08.2012:
Dietrich Eckart verfasste das Sturmlied der SA und löste die Okkupation der Formulierung „Deutschland erwache!“ als NS-Schlachtruf aus.„.
Pluspedia Stand 22.08.2011:
Heil Hitler dir! ist ein 1925 von Bruno Schestak getextetes und komponiertes nationalsozialistisches Kampflied. Nach dem Beginn des Liedes ist es auch als Deutschland erwache (aus deinem bösen Traum) bekannt, unter dem es heute oft zu finden ist. Es ist nicht mit dem eigentlichen Deutschland erwache (Sturmlied) von Dietrich Eckart und Hans Gansser aus den Jahren 1919-1922 zu verwechseln.“

Auf der Postkarte hat der Absender den Kampfbegriff 1928 verwendet.
1930 fragte Kurt Tucholsky in seinem Gedicht „Deutschland, erwache„:

Daß der Nazi dir einen Totenkranz flicht: Deutschland, siehst du das nicht?„.

2008 Fehlerhafte Treppenkonstruktion (Tagesspiegel 24.06.2008):

Die Schäden im 1899 fertiggestellten Turm gehen nach Auskunft der Senatsbehörde auf eine fehlerhafte Treppenkonstruktion zurück. Sie sei falsch eingebaut und erzeuge „Gewölbedruck“. Die Turmsanierung 1953 habe diesen „grundlegenden Fehler“ außer Acht gelassen. So wurden die 204 Stufen zur 36 Meter hohen Aussichtsplattform allmählich zum Sicherheitsrisiko.

2010 Ansichskarten von „Forst Grunewald“ konnten bei der Turmrestaurierung helfen:

1920 Fliegerfoto: Balustrade mit Bodenfliesen im Karomuster

1926 Fliegerfoto: Balustrade mit Bodenfliesen im Karomuster

2005 Aufnahme von der Aussichtsplattform aus: Glatte, rechtwinklinge Bodenfliesen auf der Balustrade

Sehr geehrter Herr Gerber,
ausgelöst durch Ihre Hinweise und Bilder wurden Untersuchungen auf dem ersten Plateau des Grunewaldturms vorgenommen, die unter den jetzigen Betonplatten und der Abdichtungsschicht, zumindest in Resten, den historischen Fußboden zum Vorschein brachten. Derzeit werden, in Anlehnung an den historischen Bestand, Platten nachgefertigt. Es wird zwar noch etwas dauern, aber dann wird der Turm in alter Schönheit wieder zu besichtigen sein.
Ihre e Mail habe ich an die Bauleitung und den Restaurantbetreiber weitergeleitet.
Vielen Dank für Ihre Unterstützung und viel Spaß beim Laufen durch den schönen herbstlichen Grunewald.
Mit freundlichen Grüßen
Im Auftrag
Andreas Fuchs
Berliner Forsten
Referat J
Dahlwitzer Landstraße 4, 12587 Berlin

2011 Jutta Wolters Bild „Grunewaldturm“
Am 09. Juni 2011 erhielt ich von der Tochter der Malerin folgende eMail:

Sehr geehrter Herr Gerber,

ich habe mich gefreut zu sehen, dass Sie ein Gemälde von meiner Mutter, der Berliner Malerin Jutta Wolters, auf Ihrer Website „Forst Grunewald“ vorgestellt haben.

Weitere Bilder und Informationen gibt es unter:
http://de.artring.net/00,60561,00.html
http://juttawolters.listal.com/h
ttp://www.kunstnet.de/JuttaWolters

Einige ihrer letzten Gemälde werden zur Zeit auch auf ebay angeboten.

Mit freundlichem Gruß
Jasmine Bonnin
www.jasmine-bonnin.de

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Alle Galeriebilder in zeitlicher Reihenfolge: