Waldpark Grunwald

DER GRUNEWALD – SEINE UMGESTALTUNG NACH DEN PLÄNEN DES GENERALBAUINSPEKTORS

Von Willi Schelkes *
August/September 1941*

1941-08 Waldpark Grunewald - Die Baukunst - 05 Flaechenplanung kleinIn der großen Zahl der Forsten, die in der Nachbarschaft von Berlin liegen, wird der Grunewald immer eine besondere Stellung einnehmen. Seine Stadtnähe sicherte ihm schon früh einen besonderen Namen als Ausflugsziel. Heute sind die Baugebiete seine unmittelbaren Nachbarn geworden, seine Bedeutung für die Erholung der Bevölkerung ist damit wesentlich gestiegen. Aber nicht nur seine Stadtnähe, sondern auch seine Mittlerrolle zu den Havelseen sichert sie ihm, denn wer zu diesem landschaftlich bevorzugten Seengebiet will, muß durch den Grunewald.

Von seiner ursprünglichen Größe hat er im Laufe der Jahre viel verloren. Auch hat seine Schönheit in den Jahrhunderten stark gelitten. Heute zeugen nur noch wenige alte Eichen – die meisten davon sind Baumruinen – von seinem früheren Bestand, der erst vor zweihundert Jahren der reinen Kiefernkultur weichen mußte. Mit den Kiefern kam das quadratische Schneisennetz, das als Wegenetz für die Bewirtschaftung des Forstes wohl geeignet ist, nicht aber für den Ausflugsverkehr. Die zweihundertjährige Kiefern-Alleinherrschaft hat den Boden so stark zugesetzt, daß er sich heute weigert, neue Nahrung zu geben. Gleichzeitig war er auch nicht mehr in der Lage, den immer stärker werdenden Anforderungen seiner Besucher gerecht zu werden. Überall zeigen sich die Schäden durch Zerstörung der Oberfläche und des Pflanzenwachstums. Seine übermäßig starke Besetzung durch Wild (achtmal mehr als reichsüblich) verhindert die natürliche Ansamung und den Nachwuchs von Laubgehölz. Es gibt Tausende von zwanzig- bis dreißigjährigen Eichen, die durch jährlichen Wildbiß kaum eine Höhe von einem halben Meter erreicht haben.

1941-08 Waldpark Grunewald - Die Baukunst - 04 - Bestandsplan 1941 kleinDiese Mängel entschloß sich der Generalbauinspektor bei der Übernahme seines Amtes im Jahre 1937 abzustellen. Er wollte den Grunewald der Berliner Bevölkerung als Ausflugsort erhalten und ihn so ausbauen, wie es seine günstige Lage zu den Wohngebieten und seine natürlichen landschaftlichen Vorrausetzungen ergeben. Bereits im Mai 1938 konnte mit den Arbeiten begonnen werden.

Der größte landschaftliche Reiz des Grunewaldes liegt in den ihn begrenzenden Seen. Die Havelseen an seinen Westrand geben einen großartigen Einblick in eine märkische Seenlandschaft und öffnen den Blick weit über die Pfaueninsel hinaus nach Potsdam. Im Gegensatz dazu ist die dem Wohngebiet benachbarte Seenkette im Osten: GrunewaldseeKrumme LankeSchlachtensee, ruhig und abgeschlossen.

Diese beiden Teile treten als die einzigen in ihrer eigenartigen Schönheit heute in Erscheinung. Auch hier läßt sich noch viel steigern. Alles aber, was dazwischen liegt, ist in seiner ebenfalls sehr vielfältigen Oberflächengestalt kaum zu erkennen, da es von einem gleichförmigen Waldschleier überzogen ist, der keine Ausblicke erlaubt, keine Räume öffnet. Die Größe des Grunewaldes ahnt man nur, seine Höhenunterschiede spürt der Spaziergänger nur durch das Ansteigen der Wege.

Der Generalbauinspektor, Architekt Albert Speer, führt mit seiner Planung hier eine grundsätzliche Änderung herbei. Sie besteht in dem Ziel, die Gestalt des Grunewaldes dem Auge zu zeigen, Berge und Täler, Anhöhen und Senken sichtbar und damit die Größe des Waldgebietes fühlbar zu machen. Das geschieht durch den Wechsel von geschlossenen Waldgebieten mit sich aneinanderreihenden großen und kleinen Freiräumen und durch Ausblicke auf nahe und ferne Punkte. Diese Idee Speers ist das eigentlich tragende Gerippe der gesamten inneren Grunewaldgestaltung. Für diese räumliche Gestaltung ist die große Senke, die den Grunewald von Norden nach Süden durchzieht (Teufelssee, Pechsee, Barssee) [gemeint ist der Grunewaldgraben], der Ausgangspunkt, wie der Plan es zeigt. Sie wird weitgehend als Freifläche mit Einzelbäumen und Gruppen gestaltet werden. Dadurch wird gleichzeitig die Möglichkeit des freien Ausblicks von ihren hohen Rändern auf den Havelberg, andere Erhebungen und auf die Niederungen und Seen gegeben. Die östlich von ihr liegenden Gebiete werden weitgehend als geschlossene Waldgebiete erhalten bleiben, um als Blick- und Lärmschutz gegen die den Grunewald durchschneidende Rennstrecke der Avus und die Schnellbahn zu dienen. Der Havelberg – heute hinter dürftigen Kiefern versteckt – wird auch von vielen anderen Stellen im Grunewald zu sehen sein, herausgehoben durch die von allen Seiten gegen ihn führenden Freiflächennutzungen und eine mächtige Laubkrone.

An vielen Stellen des hohen Havelrandes werden da, wo heute nichts als dürres Kieferngeäst zu sehen ist, dem Spaziergänger große weite Ausblicke auf die Havelseen, nach Lindwerder, Pfaueninsel, den Türmen von Potsdam und Spandau gegeben.

Das Hauptziel des Spaziergängers werden immer die Havelseen sein. Darauf baut sich das ganze Wegenetz auf, dessen Hauptwege vom Wohngebiet zum Wasser führen.

Die vier wichtigsten führen

  1. vom Bahnhof Grunewald über den Teufelssee zum Kuhhorn,
  2. von der Königin-Luise-Straße über Grunewaldsee – Neuer Schnellbahnhof – Naturschutzgebiet Barssee – nördlich HavelbergLindwerder,
  3. von der Argentinischen Allee über die Riemeisterwiese – Nordseite Krumme LankeAvusHavelberg – zur Lieper Bucht,
  4. von der Fischerhüttenstraße über Krumme Lanke zum Großen Fenster.

1941-08 Waldpark Grunewald - Die Baukunst - 06 - Wegeplanung kleinDer erste ist bereits fertiggestellt. An ihm sind die Absichten, die seiner Planung zugrundeliegen, bereits zu erkennen. Jeder dieser Wege ist so geführt, daß er an alle wesentlichen landschaftlichen Reize in der Nachbarschaft heranführt und sie sichtbar macht. Alle sind sie großzügig in der Führung und enden am Wasser.

Diese vier großen „Zielwege“ haben zeitweise große Menschenmengen aufzunehmen, unter anderem, von den Schnellbahnhöfen, von wo die Besucher möglichst rasch zum Wasser wollen. Sie entlasten dadurch gleichzeitig die übrigen Teile des Grunewaldes, was den die Stille suchenden Besuchern und dem Pflanzenwuchs, der jetzt oft niedergetreten wird, zugutekommt.

Für große Mengen der eigentlichen Spaziergänger, die den Grunewald suchen, sind je nach Lage der Wohnung und Zeitdauer des Spazierganges drei weitere Weggruppen vorgesehen:

  1. Die Wege um die Seenkette Grunewaldsee – Krumme Lanke – Schlachtensee, die zum Teil schon vorhanden sind,
  2. der Weg vom Bahnhof Heerstraße durch die Senke zum Teufelssee, Pechsee, Barssee bis zur Havel,
  3. der Uferweg und
  4. der Höhenweg längs der Havel.

Dieses Grundnetz von Wegen wird ergänzt durch eine große Zahl von kleineren Wegen bis herab zu dem Fußpfad. Die Wegeführung wird immer einen größtmöglichen Wechsel von geschlossenem Waldgebiet, Freiflächen und Ausblicken bringen, gleichzeitig soll sie aber den vielartigen Wünschen der Grunewaldbesucher gerecht werden, die weite oder kurze, einsame oder belebte Wege, geschlossene Waldgebiete, Freiflächen, Seen, Ausblicke, Liegewiesen, sportliche Betätigung und ähnliches im Grunewald suchen. Da das Grundnetz sich an verschiedenen Stellen schneidet, können Spazierwege der verschiedenen Art und Länge ausgeführt werden. Dieses Wegenetz ist gleichzeitig auch eine dringend notwendige Maßnahme zur Erhaltung des niederen Pflanzenwuchses und der Grasnarbe, denn die durch Niedertreten entstehenden Schäden können in dem Sandboden nicht so rasch ausgeglichen werden wie in nahrungsreichem und feutigkeitsgesättigtem Boden.

Neben dem Wegenetz für die Fußgänger sind Wegenetze für Radfahrer und Reiter geplant, von denen keiner den anderen stören soll, weshalb sie immer ausreichend voneinander abgesetzt sind.

Der Radfahrverkehr im Grunewald wird immer ein „Zielverkehr“ von den Wohngebieten zum Wasser sein. Deshalb genügen vier Wege, von denen drei etwa parallel mit den drei großen Wegen zum Wasser laufen und einer vom Bahnhof Heerstraße durch die Senke des Teufelssees, Pechsees, Barssees zur Havel führt.

Ganz anders ist die Aufgabe bei der Planung der Reitwege. Hier ist die Schaffung von drei, heute noch nicht vorhandenen, Reitmittelpunkten vorgesehen, und zwar durch den Bau von Reithallen und größeren Stallungen. Der eine soll in der Nähe des Bahnhofs Grunewald, der zweite am Grunewaldsee und der dritte am Südgebiet des Grunewaldes liegen. Von beiden Stellen aus wird dann ein Wegenetz entstehen, das ein- und zweistündige Umritte und das Reiten zur Havel und an ihr entlang – auch als Höhenreitweg – gestattet. Dazu werden noch bestimmte Reiteinrichtungen, die bisher im Tiergarten waren, dort aber nicht bleiben können, in den Grunewald verlegt werden.

Das Auto wird aus dem Grunewald ferngehalten. Nur dem Omnibus – als Zubringer von Spaziergängern – sollen längs der Avus einige Stationen eingeräumt werden, außerdem soll je eine Linie in Verlängerung der Fischerhüttenstraße und der Königin-Luise-Straße bis zur Avus geführt werden.

Für die Schnellbahn ist außer dem Bahnhof Grunewald eine weitere Station etwa in der Gegend des Großen Sterns vorgesehen, zugleich dient diese Station dem Zu- und Abtransport der Zuschauer bei Avus-Rennen, die nach dem Umbau der Avus-Südschleife wieder stattfinden werden. Für diese Rennen sind mehrere Parkplätze längs der Avus freigehalten.

Auch für den Schiffsverkehr ist ein Ausbau vorgesehen. Eine neue Landestation nördlich des Großen Fensters ist bereits im Bau.

Die am weitesten gehende und über eine lange Zeit sich erstreckende Maßnahme aber ist die Umgestaltung des Kiefernforstes zu einem Mischwald, gleichzeitig ist sie die Voraussetzung für die wirksame Durchführung der anderen Maßnahmen. Denn was hätte es für einen Sinn, Räume, Freiflächen, Ausblicke zu schaffen in einem sterbenden Wald! Daß auf dem Sandboden mit zum Teil sehr tief liegendem Grundwasser (zwischen 15 und 60 Meter) andere Bäume als nur Kiefern gedeihen, beweisen einmal die Ergebnisse der Bodenuntersuchung, dann die Kenntnis von dem früheren Mischwald auf dem Boden des Grunewaldes, und außerdem beweist es auch der gegenwärtige Baumwuchs an bestimmten, von Mensch und Tier besonders geschonten Gebieten, wo durch Samenausflug nach und nach ein gesunder und lebensfähiger Laubunterwuchs entstanden ist.

Die größten Flächen geben die Vorrausetzung für einen trockenen, kiefernreichen Eichen-Birken-Wald, die Niederungsgebiete für einen feuchten Eichen-Hainbuchen-Wald sowie Erlen- und Birkenbruchwald.

Zur Vorbereitung dieser Maßnahmen ist bereits eine große Baumschule im Grunewald angelegt, die schon heute beinahe eine Million Eichen, Birken, Hainbuchen usw. enthält. Die Pflanzen wurden durchweg aus dem Grunewald gewonnen oder aus im Grunewald geerntetem Samen herangezogen. Als Vorbereitung der beabsichtigten Unterpflanzungen werden die Pflegehiebe gesteigert, Junghölzer früher als sonst üblich durchgeholzt, vorhandene Laubbäume weitgehend freigelegt. Die forstwirtschaftlichen Gesichtspunkte werden in Zukunft nur so weit gelten, als sie im Einklang zu bringen sind mit einem der Berliner Bevölkerung dienenden Waldpark.

Neben den drei genannten großen Hauptarbeiten der Raumgestaltung, der wegemäßigen Erschließung und der Umwandlung zu einem Mischwald läuft noch eine Reihe anderer Arbeiten. Der Berliner will in der Havel baden können. Das Wannseebad mit seinem Riesenbetrieb wird manchen befriedigen, viele aber auch abstoßen. Für diese vielen sollen große Strandflächen längs des Havelstrandes geschaffen werden. Teile des vorhandenen Schilfgürtels werden dafür beseitigt. Die dem Grunewaldrand zur Havel hin vorgelagerten Wiesen sind an den meisten Stellen zu schmal, um genügend Liegeflächen für die Badenden zu geben. Deshalb werden große Lichtungen im benachbarten Waldgebiet freigelegt und durch Treppen mit dem Badestrand verbunden. Durch diese Maßnahmen wird ein Strand in einer Länge von insgesamt vier Kilometer gewonnen. Große Erdbewegungen zur Erhöhung der am Wasser liegenden, teilweise versumpften Wiesen und damit zur Verbesserung des Badestrandes werden zur Durchführung kommen. Mit diesen Arbeiten wird eine Beseitigung der sehr erheblichen Schäden an den zur Havel steil abfallenden Grunewaldrändern durchgeführt, die durch Ablaufen und durch Regen an vielen Stellen gefährdet sind. (Manche Kiefern stehen mit Teilen ihres Wurzelwerkes in der Luft.)

Auch der Sporttreibende soll in den Wohngebieten naheliegenden Teilen des Grunewaldes neue, vorbildliche Sportstätten erhalten. Im wesentlichen sind es große Sportflächen in der Nähe des Bahnhofs Grunewald und im Ostteil des Grunewaldes zwischen Schnellbahn und Grunewaldsee. Dort ist die Aufhebung der Straße vom Ortsteil Grunewald nach dem Untergrundbahnhof Onkel-Toms-Hütte, die durch den Bau einer Ringstraße überflüssig geworden ist, vorgesehen. Dadurch wird es erst möglich, ein geschlossenes Sportgebiet an dieser Stelle zu schaffen.

Mitten im Grunewald, am Barssee, liegt ein Naturschutzgebiet von ganz besonderer Schönheit, mit dem schönsten Baumbestand und wertvollen Pflanzenarten. Dieses Gebiet ist bis zum heutigen Tag den Berlinern vorenthalten worden. Es soll unter Beibehaltung seines Charakters als Naturschutzgebiet nun durch einen Weg erschlossen und zugänglich gemacht werden.

Die Zahl der Gaststätten im Grunewald ist, gemessen an seiner Größe und den weiten Spaziergängen, sehr gering; die wenigen vorhandenen genügen kaum den an sie zu stellenden Anforderungen. Infolgedessen werden weitere Gaststätten errichtet werden, und die vorhandenen werden sich eine Überholung gefallen lassen müssen.

Mit den übrigen Berliner Neugestaltungsarbeiten kommt der Grunewald an verschiedenen Stellen in Berührung. Die neue Ringstraße berührt ihn an seiner Ostseite, durch eine Reihe neuer Bauten wird sein Bestand an mehreren Stellen endgültig abgerundet. Der große Neubau des Reichsforstamtes und des Reichsjagdmuseums in der Nähe des Bahnhofs Grunewald faßt die Ringstraße an ihrem Knickpunkt. Am Nordrand des Grunewaldes längs der Heerstraße wird sich die neue Hochschulstadt ausdehnen. Längs der Kronprinzenallee sind bereits neue Wohngebiete entstanden, an die sich eine Reihe von Künstlerateliers anschließt.

Die Grenzen des Grunewaldes hat der Generalbauinspektor damit für alle Zeiten gezogen.

1941-08 Waldpark Grunewald - Die Baukunst - 01 kleinW. SCHELKES

 

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* Willi Schelkes war ein Stellvertreter von Albert Speer und im Rahmen der Neugestaltung Berlins zuständig für die Grünplanung. Der vorstehende Text wurde veröffentlicht in: Die Baukunst. Herausgegeben vom Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP, und vom Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt, August/September 1941

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