Ziegelsteinstempel am Jaczoturm

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Herr Harry Nehls schrieb 1999:
„Das rustikale Turmmauerwerk besteht aus überwiegend unbehauenen (Rüdersdorfer?) Kalksteinblöcken, einigen Granitsteinen und rötlichen, normalformatigen Industrieziegeln (28,5 x 13,5 x 8,5 Zentimeter), die durch Kalkmörtel verbunden sind. Zwei der Ziegel tragen einen Stempel (51/A 1), der vom Schriftduktus gut in die Zeit um 1914 paßt…. Rechter Hand befinden sich die erwähnten, mit Stempel versehenen Ziegel.
Ich habe nur (noch) einen der beiden Ziegel gefunden. Allerdings ist es auch möglich, dass sich der andere Stempelziegel innerhalb des Türmchens befindet, wo derzeit kein Zugang besteht. Der gesamte Innenbereich ist mit Ziegelsteinen aufgemauert, so dass die Kalksteine evtl. nur eine Blendfunktion haben. Der sichtbare Stempelziegel sieht so aus:
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2014-05-05 DSC02593 klein

Wofür könnte der Stempel stehen? Vielleicht das Jahr und die Ziegelqualität? Da 1951 ausscheidet etwa:

  • Jahr 1851 ?
  • In der Qualität A1 ?
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06. Mai 2014:
Ich habe gestern zahlreiche Bilder gemacht, dabei ist mir auf einem Bild aufgefallen, dass ein Ziegel ein „Kreuz mit einem kleinen Häkchen“ aufweist und ich frage mich, ob es sich hierbei nur um eine (zufällige oder absichtliche) Beschädigung, oder aber auch um eine (dann bisher vermutlich unbekannte) Signatur handelt?  Dieser halbe Ziegel befindet sich drei Reihen oberhalb des Ziegels mit der Signatur „51/A1“. Ich war daher heute nochmals am Türmchen und habe den Ziegel mit dem „Kreuz“ einzeln fotografiert:
2014-05-05 Ziegelstein Kreuz mit Haekchen- Bild 12014-05-06 Ziegelstein Kreuz mit Haekchen- Bild 2 . 2014-05-06 Ziegelstein Kreuz mit Haekchen- Bild 3.2014-05-06 Ziegelstein Kreuz mit Haekchen- Bild 4
 
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Die Frage ist, ob die margante Signatur „51 / A1“ so oder ähnlich auch an anderen Ziegeln der Umgebung des Türmchens zu finden ist, also anderswo in der weiträumigen Umgebung von Gatow. Denn es ist naheliegend zu vermuten, dass der Erbauer des Türmchens auch einen Bezug zu seinem Standort hat uns aus der Umgebung stammt (Ziegelein bei Gatow und Übersicht über verwendete Ziegel an anderen Bauwerken).
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Weitere Erkenntnisse:
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Der Berliner Ziegelsteinspezialist Herr Horst Hartwig hat mit zu den obigen Fotos und in bezug auf den „51/A1 Ziegel“ und den „Kreuz-Ziegel“ freundlicherweise folgendes mitgeteilt:
  • „51/A1 Ziegel“ vom 10. und 11. Mai 2014:
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    Guten Tag Herr Gerber,
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    ich sehe anhand der Fotos, dass es sich um neuere Ziegel handelt (um 1900), die zur Ausbesserung benutzt wurden. Wenn man den Kopf des Ziegels betrachtet mit den Zahlen und Buchstaben A z. B, dann ist es ein industrielles Produkt, eine Seriennummer eventuell, ähnliches findet man auch bei Radialziegeln für Brunnenbauten, oder bei Formziegeln in Sonderformaten bei Kirchenbauten z.B., jedoch alles um 1900 als Entstehungszeit. Soviel weiß ich aus eigener Abschauung. Es sind wahrscheinlich maschinell stranggepresste Ziegel … und nicht zu identifizieren was den Herstellungort anbetrifft…

    Es wäre hilfreich gewesen die genauen Abmessungen der Ziegel zu wissen, aus dem Foto kann man schließen, dass die Masspropotionen vom Standardverhältnis 1:2 (6 x 12 cm) deutlich abweichen. Ich schätze die Proportion eher auf das Verhältnis 2:3, was dann etwa 8 x 12 cm entspricht. Dieser Aspekt spricht auch dafür, dass es sich um einen historisierenden Ziegel handelt, der wie schon gesagt in den Kirchenbauten um 1900 gerne benutzt wurde. Das hat etwas damit zutun, dass man das Verhältnis von Fugenbreite und Ziegelhöhe zu Gunsten des Ziegels mit bis zu 8 cm Höhe gestreckt hat.
    Solche Ziegel wie auf dem Foto sind wahrscheinlich aus der Region Nieder-Lausitz oder auch Schlesien, die Tone wurden zusammen mit der Braunkohle erschlossen, sind maschinell gefertigt und fest, sehr homogenes Ausgangsmaterial … rot brennend doch deutlich zu unterscheiden von den „roten Rathenowern„, welches der klassische Ziegel der Region und für Berlin/Potsdam war ….
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    .MfG Horst Hartwig
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  • „Kreuz-Ziegel“ vom 11. Mai 2014:
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    Hallo Herr Gerber,
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    das Kreuzzeichen auf dem halben Ziegel ist auch eine Signatur als Stempel, man muß sich vorstellen, dass für einen Kichenbau als Beispiel bis zu 50 und mehr verschiedene Formsteine produziert wurden, Fensterm, Gesimse, Türmchen, Ecken usw. und bei einigen kam nur ein Kreuz oder auch zusätzlich hinzu, eine Kirche in unmittelbarer Nähe bei mir in Kreuzberg (Passionskirche) hat ähnlich überformatige und auch mit Zahlen gestempelte rote Ziegel, welche z. T. sichtbar sind … es ist durchaus möglich, dass die überzähligen oder teilbeschädigten Ziegel eines Kirchenbaus eben bis zum Jaczoturm gelangten, als Spende oder eine irgendwie geartete Verbindung von Bauausführendem und für den „Heimatschutz“ engagierten Personen. Das lag damals im Trend … Beispiel hierfür auch die „Gerichtslaube“ im Park Babelsberg
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    MfG Horst Hartwig
01. Juni 2014:
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Ich habe die beiden Ziegel heute vermessen:
  • Der „51/A1 Ziegel“: Länge 28,5 cm x Breite 14 cm x Höhe 8,5 cm.
  • Der in der Länge gekürzte „Kreuz-Ziegel“: Breite 13 cm x Höhe 8 cm.
  • Zum Vergleich das Reichsformat:
    Die Industrialisierung ermöglichte den Transport von Baumaterialien über größere Strecken und die Lieferanten mussten austauschbar sein. So wurde 1872 in Deutschland per Gesetz das so genannte „Reichsformat“ für Ziegel (heute „altes Reichsformat“) eingeführt: 25 cm × 12 cm × 6,5 cm. Damit konnte ein Gebäude aus Mauerziegeln verschiedener Herkunft erbaut werden. Für staatliche Bauten war die Anwendung dieses Formats verbindlich. Für andere Gebäude war es wirtschaftlicher geworden, normierte Ziegel zu verwenden, also auch diese herzustellen. Dieses Ziegelformat wurde 1869 von dem Berliner Baumeister Lämmerhirth vorgeschlagen… Mit dem metrischen System wurde das (neue) Reichsformat mit 24 cm × 11,5 cm × 6,3 cm und das Normalformat mit 24 cm × 11,5 cm × 7,1 cm notwendig.

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08. Juni 2014:  Vergleichbare Signaturen an der Katholischen Kirche „Maria, Hilfe der Christen“ in Spandau gefunden – lesen

2014-06-11 - Stempel-Vergleich Jaczoturm - St.Marienkirche
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14. Juni 2014: Was bedeutet das für die Erforschung des Jaczotürmchens?
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Es ist nicht die Vermutung von der Hand zu weisen, dass die beiden 1999 von Herrn Harry Nehls mit dem Stempel „51/A1“ angegebenen Ziegel von der St. Marien-Kirche in Spandau stammen. Es macht auch dahingehend Sinn, weil das Ziegelformat nicht viele andere Auswahlmöglichkeiten zulässt. Es ist das Format eines historisierenden Kirchenziegels und wo gibt es sonst noch eine Kirche mit derartigen Ziegeln? Ich habe bisher keine gefunden und falls doch (Heilige-Familie-Kirche in Lichterfelde, gleicher Architekt), so ohne diese spezielle Stempelung. Aber trotz der übereinstimmenden Ähnlichkeit fehlt natürlich noch ein kleiner iPunkt: Ich habe an der Kirche bisher keinen Ziegel mit dem Stempel „51/A1“ gefunden.
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Trotzdem liegt jetzt die Vermutung nahe, dass der Turm um 1908-10 erbaut wurde (damit nähern wir uns wieder an die Aussage von 1964 von Herrn Kurt Pomplun an: „Ein 1914 von dem Vorbesitzer des Grundstücks errichteter, zinnengeschmückter Rundturm…“) und als formaler Bauherr derjenige anzusehen ist, welchem das Grundstück zu diesem Zeitpunkt gehörte. Also Herr Emil Beringer, Kommerzienrat zu Charlottenburg und zum damaligen Zeitpunkt auch in Charlottenburg wohnhaft. Oder aber dessen Tochter mit ihrem Ehemann, also die Familie Hissink, wohnhaft in Westend. Allerdings ist Herr Beringer im Familiengrab auf dem evangelischen Luisenfriedfhof II in Westend beerdigt. Es ist also anzunehmen, dass er kein Katholik war, kann er dennoch in einer Beziehung zur katholischen Gemeinde in Spandau gestanden haben? Über die Konfession des aus Holland stammenden Schwiegersohns Jacobus Hissink („Jack“) ist mir nichts bekannt. War er vielleicht Katholik?
In der Umkehrung besteht aber natürlich auch die Möglichkeit, dass sich ein Mitglied der „St. Marien Gemeinde“ an die Familie Beringer/Hissing gewandt und darum gebeten hat, in der Schlucht das „Turm-Denkmal“ errichten zu dürfen, unter Verwendung von (beschädigten) Restziegeln. Damit würde dann wieder der von Herrn Harry Nehls 1999 in den Raum gestellte „bislang anonym gebliebener Spandauer Bürger“ in die Betrachtung zurückkehren.
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Das Hauptproblem ist aber, dass diese Vermutung im Widerspruch zu der Aussage von Herrn Loeffler, einem Enkel von Herrn Beringer steht, wonach sich der Turm bereits auf dem Grundstück befunden haben soll, als Herr Beringer es um 1900/01 erworben hatte.
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Eine Überlegung von mir war, dass die Ziegel (bzw. von außen ist jetzt ja nur noch ein Ziegel erkennbar) möglicherweise erst später an den Turm gelangt sind, und zwar als Ausbesserungsziegel (siehe auch die Einschätzung „Ausbesserung“ von Herrn Hartwig oben anhand der Fotobeurteilung. Dabei ist anzumerken, dass Herr Nehls 1999 folgende Beschreibung vornahm: „Auffällig ist der unter Verwendung von überwiegend roten Industrieziegeln sowie vereinzelten, behauenen Kalk- und schwarzen Granitsteinen recht sorgfältig gestaltete Portalbereich.“). Die St. Marien-Kirche wurde bei einem Luftangriff 1944 stark beschädigt. 1946 wurde das Kirchengrundstück in Eigenleistung von Gemeindemitgliedern enttrümmert und die Kirche von 1948-52 wieder aufgebaut. Meine erste Vermutung war, dass die beiden Ziegel dann zur Ausbesserung an den Turm verbracht wurden. Dies schließe ich mittlerweile aber aus. Denn aus dem Zustand des Turmes, wie er sich anhand eines Fotovergleiches der Jahre 1954 – 1999 – 2006 ergibt, ist zu erkennen, dass der Turm damals mit Pflanzen eingewachsen dastand und nicht so aussieht, als sei er einige Jahre zuvor renoviert worden. Wer hätte im zerstörten Nachkriegs-Berlin auch die Muße gefunden, dieses kleine Bauwerk zu pflegen und wer hätte dies ohne Erlaubnis der Grundstückseigentümerin, zwischenzeitlich Frau Karin Hahn-Hissink, tun dürfen? Nein, es ist nicht anzunehmen, dass die beiden Steine nach dem 2. Weltkrieg von der Ruine der St. Marien-Kirche an den Turm verbracht wurden. Es bliebe dann nur noch die Möglichkeit, dass der Turm tatsächlich vor 1900 erbaut wurde und die beiden Ziegel dann um 1910 zur Ausbesserung an den Turm gelangten. In diesem Fall steht aber auch zur Disposition, ob nicht alle Industrieziegel erst später an den Turm gelangt sind, was mir aber auch unwahrscheinlich erscheint, siehe die positive Einschätzung der sorgfältigen Portal-Gestaltung von Herrn Nehls. Außerdem wurde das Turminnere scheinbar mit Ziegelsteinen aufgemauert. Es erscheint mir daher sinnvoll davon auszugehen, dass das Foto aus dem Jahr 1954 den Turm, bis auf die vielleicht fehlende Tür, im Wesentlichen so abbildet, wie er auch ursprünglich erbaut wurde. Dessen ungeachtet erscheint es mir sinnvoll, im Turminneren jeden einzelnen Hintermauer-Ziegel abzusuchen, ob sich dort nicht (doch) noch weitere Stempel befinden bzw. ob es sich auch dort um historisierende Kirchenziegel handelt, oder um ein anderes Format. Leider habe ich keinen Zugang in das Turminnere.
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Unendlich hilfreich wäre natürlich ein Foto des Turmes aus früheren Zeiten.
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1954 - 2006 Jaczoturm - Vergleich
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Noch ein Wort zur Motivlage. In der neueren Zeit wird „Patriotismus“ vermutet, die Verwendung von Kirchenziegeln lässt aber ebenso oder sogar eher auf den Christianisierungsinhalt der Schildhornsage schließen und somit zugleich oder sogar eher auf eine religiöse Motivation.
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Offen ist für mich die Frage, weshalb der Turm „in genau dieser Schlucht“ errichtet wurde und nicht entsprechend der Hauptlinie der Sage (siehe 1823, Valentin Heinrich Schmidt) auf dem Sack, also gegenüber dem 1845 errichteten Denkmals auf Schildhorn, welches mit Kreuz und Schild eben auf diese Landzunge zwischen der Scharfen Lanke und Pichelswerder zeigt und nicht auf die Bucht am Ende der Schlucht des „Jaczoturms“.
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Es gilt also weiterhin in alle Richtungen zu forschen.
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18. Juni 2014: Das Turminnere
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