Ziegeleien bei Gatow und Jaczoschlucht-Ufer

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I1903 ca. Berbig Havelduene Weinmeisterhornn der „Statistisch-topographische Beschreibung der gesammten Mark Brandenburg„, Zweiter Band, von Friedrich Wilhelm August Bratring,  Berlin 1805, steht auf Seite 111 geschrieben:

Gatow – Dorf

  • 1 Lehnschulzen
  • 9 Ganzbauern
  • 18 Einlieger
  • 1 Schiffer
  • Schmiede
  • Ziegelei
  • Krug
  • 23 Feuerstellen
  • 167 Menschen
  • 52/4 Hufen
  • Besitzer: Dom Amt Spandau

Wo befand sich eigentlich diese Ziegelei? Zahlreiche allgemeine Veröffentlichungen sprechen in Bezug auf eine Ziegelei im Prinzip immer nur auf eine unbestimmte Lage nördlich von Gatow.

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  • Herr Kurt Pomplum hat die industrielle Nutzung der Unterhavel in Berlin 1961 wie folgt beschrieben, wobei ich [Bild-Ergänzungen] eingefügt habe;
    Quelle: Jahrbuch für brandenburgische Landesgeschichte. – 12. Band, 1961, Kurt Pomplum, Seiten 65-68:
Aber auch auf das Havelufer unterhalb von Pichelsdorf griff die Industrie über. Bei Weinmeisterhorn [Luftbild] ließ sich 1898 die Berliner Firma Wens & Co. [1, 2] nieder, die Wasserbaugeräte herstellte und eine Werft anlegte. Aus dieser ist die heutige Lankewerft entstanden [zunächst ab 1918 Naglo-Werft, 1904, 1910, 1915, 1920, 2014]. Derartige Betriebe waren naturgemäß an Wasserläufe gebunden und hatten in abseits gelegenen Gegenden auch keine Beanstandungen wegen Geräuschbelästigungen, wie sie in der Kesselschmiede oder beim Nieten entstanden, zu befürchten. Die Zufahrt zu dieser Werft vom Lande her ist allerdings bis heute unbefriedigend geblieben.
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Eine chemische Fabrik sollte im Jahre 1900 bei Weinmeisterhorn angelegt werden, die Grundstücke waren bereits gekauft und ein massives Bollwerk längs der Havel errichtet, dann jedoch wurde der Bau der Fabrik zurückgestellt, er unterblieb schließlich.
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 – Havelufer des Grundstücks Gatower Straße 199, welches um 1901/02 von Herrn Emil Beringer zwecks Verlagerung seiner chemischen Fabrik erworben wurde –
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Jahrzehntelang war man am Weinmeisterhorn recht unbekümmert mit dem Grund und Boden umgegangen, man hatte ihn im engsten Sinne des Wortes als Ware angesehen und große Teile der Gatower Berge abgetragen und als Füllboden für alle möglichen Zwecke und Bauvorhaben an anderen Steilen verwendet. Schon im Jahre 1872 wurden erhebliche Bodenmengen aus den Gatower Bergen abgeschachtet und in Kahnladungen nach Berlin gebracht. Hier wurden mit dem Gatower Sand die Schöneberger Wiesen für das spätere Hansaviertel aufgehöht. Derartige Bodenentnahmen für die verschiedensten Objekte fanden bis zum Jahre 1903 noch wiederholt statt. Diese „Nutzung“ wurde durch die unmittelbar am Fuße der steil abfallenden Grundmoräne vorüberführenden Havel sehr gefördert. Das Massengut Sand konnte zu Schiff billig wegbefördert werden. Eine derartige Verwertung des Bodens leitet über zu jenen Unternehmungen, die im 19. Jahrhundert zwischen Spandau und Kladow bestanden und teilweise ebenfalls die Bodenschätze dieser Gegend ausbeuteten, hauptsächlich waren es Ziegeleien und ähnliche Betriebe, die den hier vorkommenden Lehm verarbeiteten. [1813, 1816, 1880, 1891]
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Noch auf Spandauer Gebiet, an der Scharfen Lanke, hatte der Spandauer Maurermeister Abraham Bocksfeld eine große Besitzung, auf der er etwa seit den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Ziegelei und einen Kalkofen betrieb. Spätestens beim Tode Bocksfelds im Jahre 1852 — aus seinem Familiennamen hat sich übrigens die Lagebezeichnung Bocksfelde entwickelt — wurde der Betrieb der Ziegelei wieder eingestellt, das Gut wurde dann jahrzehntelang landwirtschaftlich genutzt. [1841]
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1895 Kiessling sw - Grunewald - Ziegelei GatowFür Gatow erwähnt bereits Bratring 1805 eine Ziegelei, und im 18. Jahrhundert bestand in Gatow eine Kalkbrennerei des Spandauer Bürgers Schulz. Im Jahre 1830 sollte die „Ziegel- und Kalkbrennerei zu Gatow, dicht an der Havel belegen, welche 1/2 Meile von Spandow, 2 1/2 Meile von Potsdam entfernt ist, . . . schuldenhalber öffentlich an den Meistbietenden verkauft werden . . . “ 1843 wurde das Gatower Ziegeleigrundstück, von dem der „von der Ziegelei und Töpferei jährlich zu erzielende Ertrag“ auf 1375 Thlr. abgeschätzt war, abermals subhastiert, auch 1863/64 wird noch eine Ziegelei in Gatow erwähnt. [Möglicherweise befand sich die 1805 erwähnte Ziegelei auf dem heutigen Grundstück der 1907 erbauten Villa Lemm (Geschichte). Eine Landkarte der Geologischen Landesanstalt von ca. 1890 und eine Landkarte von Kiessling von ca. 1895 deuten jedenfalls darauf hin. Auf dem Grundstück der Villa Lemm befindet sich heute eine  EnvironmentMarmor-Großplastik „Mifgasch – Herrenabend“ des Künstlers Herrn Dani Karavan, welches auch daran erinnern soll, das sich auf dem Gelände einst eine Ziegelei befand.]
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Nachweisbar ist ferner in den Jahren von 1854 bis 64 eine „Ofenfabrik“ in Gatow, deren Eigentümer innerhalb kurzer Zeit häufig wechselten. Diese „Fabrik“ zeigte einmal „Öfen mit den feinsten Schmelzglasuren und den modernsten Verzierungen in den verschiedensten Tonen, auch Veltener“ an; Ofenkacheln, von bestem Veltener Tone werden ein andermal angepriesen.
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Eine andere Gatower „Ofenfabrik“, die Hey’sche, entstand in den 70er Jahren und blieb ebenfalls nicht lange am Leben. [Bzw. etwas nördlich vom Gutshof Hey, heute Hofstelle Havelmathen/UBZ, eine Ziegelei mit 300 Meter Haveluferstreifen. 1880, 1890, 1891, 1904, 1920, 1928]
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1911-05-22-schildhorn-mit-ziegelfrabrik-a-kleinEin letzter Nachzügler in der Reihe der Gatower „Fabriken“ war das Kalksandsteinwerk oberhalb von Gatow. Es wurde 1903 errichtet und ging 1908 wieder ein. Hier wurde Sand der Gatower Berge an Ort und Stelle zu Kalksandsteinen verarbeitet. Zunächst florierte das Unternehmen, das anfangs gegen 80 Mann beschäftigte, dann ging es in Konkurs, wozu wohl auch das Überangebot von derartigen Steinen beigetragen haben mag. Nur eine tiefe Schlucht im Berghang [und ein Mörtelblock] erinnert noch heute an die Sandausschachtungen dieser Fabrik. [1903 (?),1911, 1913, 1915, 1920, 1926 und 1941. Das Grundstück der Kalksandsteinfabrik gehörte der (Familie) Rothenbücher, so dass zu vermuten ist, dass auch die Fabrik von Rothenbüchers betrieben wurde. Oscar Rothenbücher betrieb bei Weinmeisterhorn ein Restaurant. 1899 und 1899]
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In Kladow waren ebenfalls einige Ziegeleien. Die älteste Nachricht bringen Zech-Günther. Danach erstreckte sich die Fischereiberechtigung des Amtes Spandau bis „zum sogenannten roten Stein zu Cladow, nämlich bis zu der Gegend hin, wo ehemals eine Ziegeleischeune gestanden . . . “ Bratring erwähnt für Kladow um 1800 keine Ziegelei mehr; man kann also das Bestehen dieser Ziegelei wenigstens in das 18. Jahrhundert zurückrücken.
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Die größte und bedeutenste Ziegelei der ganzen Gegend war die, die 1846 der Spandauer Zimmermeister Brettschneider am Havelufer beim Schwemmhorn anlegte. Brettschneider schaffte mit drei eigenen Kähnen Ton aus einer ihm ebenfalls gehörenden Tongrube aus Ketzin heran, außerdem hatte er das Recht, von Grundstücken Kladower und Glienicker Bauern Ziegelerde zu entnehmen. Nach dem Tode Brettschneiders kaufte ein gewisser Lüdicke die Ziegelei; sie hatte 1878 drei Brennöfen [1890]. Um 1905 wurde der Betrieb stillgelegt. Auf dieser Ziegelei arbeiteten nach Auskunft alter Kladower auch Lipper Ziegelstreicher. Die hier gewonnenen Steine wurden bis nach Berlin geliefert.
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Am Quastenhorn, oberhalb der Lüdicke’schen, ebenfalls am Ufer, lag die Schütz’sche Ziegelei, sie wurde etwa 1863 angelegt, war aber in den 90er Jahren schon verfallen; in ihr wurden Steine aus dem bei Kladow gegrabenen Lehm gebrannt. [1890]
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Die Groß-Glienicker Ziegelei, die von 1853 bis etwa 1907 bestand, beförderte ihre Steine durch einen Graben zum Sakrower See und von da zur Havel, oder Kladower Bauern fuhren die Ziegel zur Ablage an der Havel, von wo sie mit dem Schiff nach Berlin gingen. [1810 Ziegelei am Sakrower See und nördlich vom Glienicker See, 1890 und 1921 Ziegelei zwischen Sakrower See und Glienicker See, 1841 Ziegelei nördlich vom Glienicker See, 1952 Alte Kiesgrube westlich Breitehorn]
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Der Vollständigkeit halber sei schließlich noch eine Stärkefabrik erwähnt, die in den Gründerjahren in Neu-Kladow betrieben wurde und die Erzeugnisse der landwirtschaftlichen Umgebung verarbeitet haben wird, sie hatte keine lange Lebensdauer. Diese Stärkefabrik hatte einen hohen Schornstein, der in Form einer korinthischen Säule ausgebildet war.
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Auch die Lüdickesche Ziegelei, die Heysche Ofenfabrik und das Kalksandsteinwerk hatten hohe Fabrikschornsteine, mit denen sie sich aus der ländlichen Umgebung hervorhoben und als Blickfänger das Bild beherrschten. In den Jahren um 1910 wurden diese Zeugen gewerblichen Lebens von den Spandauer Pionieren gesprengt. Heute künden nur noch in wenigen Fällen einige kleine Nebengebäude von der einstigen Zweckbestimmung der Grundstücke.
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Auch diese Betriebe lagen in einem Gebiet, das durch Straßen nur sehr mangelhaft, durch Eisenbahnen überhaupt nicht erschlossen war. Ein längerer Transport der schweren Rohstoffe und der ebenso schweren Fertigfabrikate war auf der stellenweise steilen Lehmchaussee gar nicht denkbar. Diese Unternehmen, die teils den einheimischen Rohstoff Lehm, teils auswärtige Rohmaterialien, Tone aus Velten und Ketzin oder Kalksteine aus Rüdersdorf verarbeiteten, waren mit ihren Standorten unbedingt auf die Havel angewiesen, nur auf ihr war ein Zu- und Abtransport möglich. Die Havel war also ähnlich wie dann die Unterspree der einzige Verkehrsweg. Diese Ziegeleien, Töpfereien und Kalkbrennereien sind ausschließlich aus wirtschaftlichen Gründen wieder eingegangen. Es waren kleine Betriebe, teilweise aus falscher Spekulation gegründet. Sie deckten den örtlichen Bedarf und fanden in einigen Fällen noch bis Berlin hin einen gewissen Absatz. Dem scharfen Konkurrenzdruck rationell arbeitender größerer Werke mit einem reichhaltigen Sortiment und besseren Qualitäten, aber auch höheren Ansprüchen der Kundschaft waren diese Unternehmungen — vielleicht mit Ausnahme der Lüdickeschen Ziegelei — nicht gewachsen. Ob die Erschöpfung der örtlichen Lehmvorkommen etwa das Eingehen der Firmen beschleunigt hat, bleibt ungewiß.
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  • Darüber hinaus: 1854, Landbuch der Mark Brandenburg, Seite 272, Ost-Havelland/Auszug: Cladow (ein ganz feiner, in der Niederung an der Havel gelegener Theil der Feldmark enthält Alluvialthon, der zur Anfertigung von Mauersteinen verbraucht wird), … Gathow (Thon findet sich in der Niederung an einigen Stellen, er ist jedoch von Schlechter Beschaffenheit und wird gegenwärtig nicht ausgebeütet, nachdem hier früher eine Ziegelei in Betrieb stand) … Seeburg und Carolinenhöhe (Stellen-Weise Ziegelerde)…
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  • Ziegelei am Wannsee
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