Einmauerungssage

Zur Einmauerungssage, verbirgt die südliche Wendeltreppe ein Geheimnis?

Berdrow befasste sich 1902 sehr ausführlich mit dem Jagdschloss und berichtet von der Sage über die Einmauerung von Anna Sydow, und zwar in einem Raum unterhalb des Erdgeschosses der Wendeltreppe im Südflügel:
Die Wendeltreppe in dem Südflügel des Schlosses, welches noch als Zugang zu den Bodenräumen benutzt wird, bricht über dem Erdgeschoß ab, während noch der Treppenabsatz und andere bauliche Erscheinungen beweisen, daß sie ehedem hinabführte. Hier mündet sie in einem der beiden Zimmer, die an Jagdtagen der Kaiser meistens benutzt. Vor der zugemauerten Thür stand früher ein hoher weißer Kachelofen, der später durch einen bronzefarbigen ersetzt ist. In diesem unzugänglichen Treppenraum soll der Sage nach die Gießerin geendet haben.
Er berichtet außerdem, dass sich die späteren Hoheiten Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm I. seinerzeit ausdrücklich geweigert hatten, diesen Raum öffnen zu lassen:
Friedrich Wilhelm IV., der Romantiker auf dem Throne, hat sich seinerzeit geweigert, die Erlaubnis zum Oeffnen des Raumes zu geben, indem er sagte: Haben meine Ahnherrn den Treppenaufgang zugemauert, so müssen sie ihre guten Gründe dazu gehabt haben; ich will nichts daran ändern. Auch Kaiser Wilhelm I. stellte sich sich auf den Standpunkt seines Bruders. Im Jahre 1884 war der alte Kaiser gelegentlich einer Schießjagd zum letzten Male im Grunewaldschlosse, begleitet von seinem Schwager, dem Großherzog von Weimar. Letzterer soll geäußert haben, man möge doch, um allen Gerüchten ein Ende zu machen, den geheimnisvollen Raum öffnen lassen, um festzustellen, was dort vorhanden sei und was nicht. Darauf soll der Kaiser geantwortet haben, er nehme Anstand, diesen Treppenraum öffnen zu lassen, da alle seine Vorfahren seit älterer Zeit ihn verschlossen gehalten hätten. Ebenso wenig gelang es einigen Geschichtsfreunden, vom Kronprinzen, dem nachmaligen Kaiser Friedrich, die Erlaubnis zur Durchsuchung zu erhalten. Mit der Denkweise seines Vaters in diesem Punkte wohlvertraut, mußte er die Bitte, die er als Monarch vielleicht erfüllt hätte, abschlagen. So wird denn dem finsteren Treppenverließ der Reiz des Geheimnisvollen wohl noch lange erhalten bleiben, was sicherlich mehr wert ist als die Gewißheit, daß nichts dahinter steckt, welche Gewißheit überkluge Leute jetzt schon zu haben vorgeben.
Nun, die Sache erinnert mich an Gantenbrinks Upuaut Expedition. Anstatt aufzumachen und nachzuschauen, wird abgebrochen bzw. gemauert.
Es ist mir bisher nicht gelungen zu erfahren, ob dieser Raum in den Jahren seit 1902 geöffnet wurde und was sich bzw. ob sich überhaupt etwas darin befand. Die Beschreibung von Wolter, Sommer, Klotz aus dem Jahr 1927 bringt leider keine weitere Erkenntnis.  Aber die Frage ist halt: Wurde der Raum zwischenzeitlich geöffnet?

Wikipedia: Renaissanceplan um 1700

Bei Wikipedia ist ein Grundriss veröffentlicht, der sogenannte “Renaissanceplan” Auf diesem ist der kleine südliche Treppenaufgang zu erkennen.

Börsch-Supan nimmt 1981/97 Beschreibungen vor. Er benennt die einzelnen Räume mit Nummern, leider liegt seinem Führer aber kein Raumverzeichnis bei. Auf Seite 21 beschreibt er “Raum 1″ im Erdgeschoss. Das ist vermutlich der Raum im Südflügel zum See. Man erreicht ihn durch den Großen Saal im Erdgeschoss (“Raum 2/3″). Einen Zugang zum südlichen Treppenhausturm erwähnt er aber nicht, auch nicht den scheinbaren kleinen Treppenabsatz, der heute noch zu erkennen ist. An gleicher Stelle befindet sich dann über “Raum 1″ im ersten Obergeschoss wohl “Raum 11″. Über diesen schreibt er: “… durch die Tür mit den charakteristischen Sandsteinrahmen, die den Zugang zu einer nur ins zweite Obergeschoß führenden Wendeltreppe verschließt, hat der Raum noch viel von seiner ursprünglichen Stilhaltung bewahrt.” Also leider kein Hinweis, ob die Wendeltreppe früher ins Erdgeschoss führte, der Abgang aber später vermauert wurde? Leider aber auch keine Erwähnung von der Sage um Anna Sydow.

Über das Verhältnis von Joachim II. und Anna Sydow, welcher nach dem Tod von Joachim II. von dessen Sohn und Nachfolger Johann Georg übel und unrechtmäßig mitgespielt wurde, habe ich hier die Beschreibung aus dem Jahre 1761 von Johann Carl Conrad Oelrichs beigefügt, welcher seinerseits in Abschriften den Inhalt von Originaldokumenten aus den Jahren 1561, 1562  und 1570 überliefert hat:

Am 27.01.2013 habe ich an einer Schlossführung teilgenommen. Die Südflügeltreppe beginnt erst im ersten Obergeschoss. Die Frage, die sich mir stellt ist, ob sich darunter im Erdgeschoss nur Mauerwerk befindet, oder aber ein (ehemaliger Treppen-)Raum. Dass die Treppe erst im ersten Obergeschoss beginn, ist in der Tat ungewöhnlich. Gleichfalls sieht es nicht so aus, als ob sich “in der Mauer” noch ein Raum befindet. Ich glaube es jedenfalls nicht. Aber: Man könnte dennoch mal nachprüfen um festzustellen, ob es in der Wand einen Hohlraum gibt. Die sehr freundliche und kompetente Schlossführerin meine Spaßeshalber: “Wenn es die Könige vorher nicht getan haben, werden wir es erst recht nicht tun!“. – Manche Geheimnisse gilt es halt zu bewahren.

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