Twilight Zone

So ein “richtiger Wald” hat natürlich auch seine Mythen und eigentümlichen Gegebenheiten:

EIN VERSUNKENE KIRCHE IM GRUNEWALDSEE

  • 1902 Berdrow, Seite 80 – Eine von P. (?) Kunzendorf aufgelegte Mär um das Jagdschloss Grunewald:
    “Als einst ein Fischer auf dem stillen See beim Jagdschloß Grunewald sein Netz hochziehen wollte, bemerkte er, daß es fest saß und nicht los kam, er hätte es denn in Stücke gerissen. Da hörte er plötzlich ein seltsammes Summen und Gurren, daß aus der Tiefe des Sees drang, und als er näher hinhörte, da vernahm er deutlich Glockengeläute. Gleichzeitig fiel ein heller Sonnenstrahl auf den See, und aus der Mitte des Sees ragte deutlich die vergoldete Spitze eines Kirchturms hervor, an welchem sein Netz hing, das er nun leicht ablösen konnte. Gleich darauf verschwand auch die Turmspitze wieder.
    Das ist die Kirche einer kleinen Insel, die einst im See lag, und von guten Menschen bewohnt war, aber vor langen, langen Jahren in die Tiefe sank.”

WASSERLEICHEN

  • 1957 Behm, Seite 20, 21:
    “Nicht unerwähnt soll bleiben, daß die beträchtliche Wassertiefe aller Mittel jeweils mehrere Meter betragende Wassertiefe aller Seen der Rinne und ungewöhnliche Strömungsverhältnisse im Bereich ihrer flutenden Wasser keine geeigneten Stätten für badelustige Spaziergänger sind. Deutlich genug weisen Warnschilder darauf hin. So lesen wir beispielsweise an den bei der Krummen Lanke aufgestellten Großtafeln die bezeichnenden Worte
    “Im Zeitraum von 8 Jahren ertranken in diesem See 17 Menschen! Willst Du der nächste sein?”
    Daß alle Seen ursprünglich noch sehr viel tiefer waren und zum Teil Höchsttiefen bis zu 20 m, stellenweise auch darüber besaßen (Anm: Riemeistersee 27 m!), beweisen die ihren einstigen Bodengrund überlagernden Faulschlammschichten…. Im Hinblick auf die erwähnten Gefahren, denen ein Badender in den Grunewaldseen ausgesetzt ist, erscheint es angebracht, noch einige Angaben über die Tiefenverhältnisse der verschiedenen Gewässer zu machen. Auch manchen Besuchern unseres Forstes während des Winters dürfte eine Kenntnis der Tiefen davon abhalten, eine vereiste Seenfläche zu betreten. So verlockend das mitunter sein mag – Untiefen oft nahe dem Ufer sind stellenweise von einer minder starken Eisdecke überlagert, die leicht einbricht…
    Der Grunewaldsee ist etwa 3,5 Meter tief, aber nicht weit vom Grunewaldschloß liegt dickschwartiger Faulschlamm bis zu 12 m.

MOORLEICHEN

  • 1957 Behm, Seite 47, 48:
    “Eine vom Menschen hinterlassene Chronik über den Grunewald existiert nicht…Der Ergründer seiner Waldurgeschichte muß die Natur selbst befragen…Der Bewahrer solcher Archive ist noch immer ein Moor, genauer gesagt der Torf, den er bildet uns seiner Oberfläche unterlagert. Man kommt der Sache näher, wenn man weniger empfindlich als jener Toorfstecher ist, der mitten in der Arbeit seine Schaufel ungewöhnlich belastet fühlt und seinen Unmut darüber mit den Worten “Der Teufel hole den Fant...” bekräftigt. Wenige Sekunden später läßt er schreckensbleich die Schaufel fallen und rennt wie besessen davon. Bis in den späten Abend hinein ist er nicht fähig, eine vernünftige Äußerung über die Ursache seines seltsamen Gebarens zu machen. Er zittert am ganzen Körper und behauptet allen Ernstes, vom Teufel verfolgt zu sein, der ihm draußen im Moor begegnete. Ein geschwärztes Haupt mit Haar und abscheulicher Grimasse sei plötzlich vor ihm aufgetaucht, und bei der eiligen Flucht habe er alles andere vergessen.
    Das der Vergangenheit angehörende Ereignis beruht auf Wahrheit
    , doch es war nicht ein Moorteufel, der Schrecken auslöste, sondern eine der Moorleichen, die der Torfstecher berührt hatte…”

DAS JAHR 1929: 109 SELBSTMORDE IM GRUNEWALD

  • Der 25. Oktober 1929 – Schwarzer Freitag an der New Yorker Börse, Ende der so genannten “Goldenen zwanziger Jahre” (1924 – 1929) in Deutschland und Beginn der Weltwirtschaftskrise.
    Schmook brichtet 1950 in seinem Buch:
    “Das sollte nicht das einzige Erlebnis des Tages bleiben: Auf meinen Hofe fand ich eine Gruppe Menschen vor, die mir zwei Wasserleichen aus dem Grunewaldsee vor die Haustüre gelegt hatten…Ein gut gekleideter Mann und eine Frau waren die Toten, mit einem Strick um die Hüften zusammengebunden. Also wohl eine ungnädige Liebesgeschichte…
    In jenem ersten Amtsjahre im Grunewald erlebte ich mehr oder minder den Freitod von 109 Menschen mit! Die meisten ertränkten sich im Grunewaldsee, Teufelssee, Hundekehlensee, Krumme Lanke oder Schlachtensee oder der Havel. Einige ertranken auch unfreiwillig. Viele erhängten sich in einer Dickung, andere erschossen sich, darunter ein mir persönlich bekannter, vielgenannter Herr unmittelbar vor meinem Hoftor in früher Morgenstunde. Wieder andere nahmen Gift oder schnitten sich die Pulsadern durch…
    Meist kam jede Hilfe zu spät. Nur einmal konnte ich im letzten Moment einen Lebensmüden bei meiner Pürsche auf einen Schaufler in einer Dickung am Postfenn losschneiden, worauf der, kaum daß er wieder zu Atem gekommen war, eiligst entlief.
    Am Sportplatz Eichkamp mußte ich einen regelrechten Ring- und Boxkampf mit einem jungen Manne aufführen, der sich die rechte Pulsader mit einer Rasierklinge gerade aufgeschnitten hatte und an der linken herumsäbelte, ehe es mir gelang, ihn zu überwältigen und gegen seinen Willen zu verbinden. Ein auf meine Hilferufe herbeieilender Polizist nahm mir glücklicherweise das weitere ab…Die Not der damaligen Zeit trieb eben viele zu jenen dunklen, letzten Schritten…

SPUK AM PICHELSBERG

  • Havel Heimatfluß, erschienen ca. 1939:
    “An der Nordostseite des Stößensees liegen die Pichelsberge mit dem Spukpavillon, den ein märkischer Dichter, der Pfarrer Schmidt von Werneuchen, der oft auf dem Berge, den “Höhen voll Geistergrauen” weilte, in den Mittelpunkt eines Liedes stellte:
    “Wenn irgendwo ein scheuer Berggeist haust,
    So muß er dort ein finsterer Wüste lauern –
    Was ist’s, das sonst das Wipfellaub durchschaut,
    Vernehmlich ächzt aus jener Klüfte Schauern?
    Was packt uns sonst mit unsichtbarer Faust
    In jenes Götzentempels öden Mauern?

    Was es für eine Bewandtnis mit dem Spuk hatte? – Zur Spandauer Franzosenzeit war es in der Nähe des Pavillons zu einem Zusammenstoß zwischen französischen und preußischen Offizieren gekommen. Die Lage wurde für die Preußen gefährlich, sie waren aber dann plötzlich von der Bildfläche verschwunden. Der Förster aus der nahen Försterei hatte sie in dem unwegsamen Gelände in den Pavillon und von dort durch eine verborgende Falltür in den Dachboden gerettet.
    Die französischen Offiziere aber glaubten an einen Spuk.

DAS PICHELSDORFER „SACKWUNDER“

  • 1894 Fontane, Seiten 2 und3:
    „Wie sehr auch noch bis in die neuere Zeit … durch Bodenerhebungen die Erdoberfläche in der Mark Veränderungen erfährt, erhellt aus der für das Grunewaldgebiet sehr interessanten Thatsache , daß sich am 17. Mai 1807, um 1 Uhr Nachmittags, während eines heftigen, mit Hagel vermischten, Gewitterregens, zwischen dem Pichelswerder und Pichelsdorf [Pichelssee] eine 50 Schritte lange und 12 bis 15 Schritte breite Insel aus den Havelfluthen erhoben hat. Wie die sogleich nach dem Entstehen der Insel von dem Geologen Bonhoff angestellten Untersuchungen ergeben haben, handelt es sich bei dieser Inselbildung nicht etwa um ein Zusammenspülen losen Erdreichs, sondern um die wirkliche Hebung eines soliden Stücks des Havelgrundes. Die Insel ist auch nicht wieder verschwunden, sondern noch vorhanden und jetzt mit einer Grasnarbe bekleidet. (Berghaus: Landbuch der Mark Brandenburg, Erster Band.)“
    .
  • Havel Heimatfluß, erschienen ca. 1939:
    “Eine Karte aus dem Jahre 1807 verzeichnet in dem Pichelssee , der damals “Sack” genannt wurde (dieser Name ist auf die Landzunge zwischen Gemünde und Scharfe Lanke übergegangen) ein kleines Eiland, mit dem es eine eigenartige Bewandtnis hatte. Die kleine Insel trat am 17. Mai 1807 während eines harten Gewitters zutage. Das Eiland war 50 Schritt breit und mit Fischen, Muscheln, und Schnecken bedeckt. Ein Teil des Schlammes sank wieder ab, der Rest wurde mit dem Pichelsdorfer Ufer landfest.
    Die Gegebenheit des “Sackwunders” zog viele tausende Berliner und Spandauer nach Pichelsdorf, und es waren bald Gerüchte im Umlauf, daß unter dem Wasser ein Feuer brenne.
    Der Pichelsdorfsche Krug aber hatte ein gutes Geschäft. Das Pichelsdorfer “Sackwunder” wurde von dem damals in Berlin lebenden plattdeutschen Volksdichter Wilhelm Bornemann besungen.”

 

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