Kleistgrab

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Ein versteckter Ort, von dem 1902 Berdrow auf den Seiten 67-70 schrieb:

Ein am Bahndamm geradeaus laufender staubiger Sandweg soll uns zu einer Stätte geleiten, die sein deutsches Herz ohne Wehmut und Rührung betrachten kann: zum Grabe Heinrich von Kleists.

Nachdem wir wenige hundert Meter des Weges zurückgelegt, biegen wir rechts ab zum Ufer des Kleinen Wannsees oder Stolper Lochs. Hier liegt auf einer Uferhöhe in stiller Waldeinsamkeit die letzte Ruhestätte des großen märkischen Dichters, dem eine blöde Mitwelt die gerechte Anerkennung, nach der er lechzte, versagte, den die verständnisvollere Nachwelt aber Verdienst zu unseren Größten, zu Lessing, Goethe und Schiller, gestellt hat. Sein Schicksal mündet in schlichten Worten der unter den Geburts- und Todesdaten stehenden Vers:

Er lebte, sang und litt
In trüber, schwerer Zeit;
Er suchte hier den Tod
Und fand Unsterblichkeit.

Rost zwar frist an dem Gitter und Flechten zermürben den Stein; aber der darunter ausruht, läßt noch heute beim Lesen und Schauen seiner Meisterwerke, des süßen „Käthchen von Heilbronn„, den „Prinzen von Homburg„, der „Hermannsschlacht„, des „Zerbrochenen Krugs„, und des klassischen „Michael Kohlhaas“ tausend Herzen rascher Schlagen, tausend Augen in Perlentropfen der Wehmut und des Entzückens schimmern.

Am 20. November 1811 fuhr Kleist mit Frau Henriette Vogel nach dem Wannsee gelegenen Wirtshaus „Zum Stimming“, um diese Freundin auf ihren Wunsch zu erschießen und sich dann selbst zu töten. Er hatte ihr einst das Ehrenwort gegeben, ihr jeden, selbst den schwersten Freundschaftsdienst zu leisten. Sie bat ihn jetzt, sie, die unheilbar Erkrankte und Lebensüberdrüssige, zu töten, setzte aber hinzu: er werde ihrem Wunsch wohl nicht erfüllen, da es keine Männer mehr gäbe. Kleist erwiderte: „Ich werde es thun, ich bin ein Mann, der sein Wort hält.“

Am Morgen seines Todes schrieb er in einem Briefe an seine treue Schwester Ulrike: „möge Dir der Himmel einen Tod schenken, nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit dem meinen gleich: das ist der herzlichste und innigste Wunsch, den ich für Dich aufzubringen weiß.“

Am Nachmittage des 21. November tötete er sich, nachdem er die Freundin durchs Herz geschossen, durch einen Schuß in den Mund. Am Orte, wo er gefunden wurde, hat man ihn auch begraben.

Hunderte haben nach ihm im Grunewald den Tod gesucht; und doch: welch ein Unterschied zwischen ihm und diesen!

Kleist ging nach vollendetem Tagwerk davon. Er hatte der Nation das Höchste gegeben, was ein Mann ihr weihen kann: in seinen Dichtungen sein Herzblut, und sie? Sie hatte ihn als einen Nutzlosen weggeworfen, niemand – außer vielleicht dem Schwesterherzen – trauerte ihm nach. Sein Lebenswerk war erfüllt. Was aber trieb alle jene in den Tod, die auf dem kleinen Friedhof bei Schildhorn der ewigen Ruhe pflegen? Hatten auch sie Ursache, ob ihrer gewiß nicht kleinen Leiden zu verzweifeln? Gab es keine Heilung für getäuschte Hoffnungen, verschmähte Liebe, gebrochene Treue, keine Sühne für jugendlichen Leichtsinn und übereilte Vergehen? Ach, es gab wohl Heilung, es gab wohl Sühne! rufen hinter ihnen hunderte Lippen! hätten sie nur ein wenig mehr Mut, ein wenig Geduld und vor allem mehr Vertrauen und Liebe zu den Ihrigen besessen! Wir wollen nicht richten, sie nicht verurteilen; aber wir dürfen und auch nicht verhehlen, daß es manchem dieser Unglücklichen besser gestanden hätte, weiterzuleben und auch erst einmal der Welt oder wenigstens den Seinigen zu leisten, was ein Mann zu leisten schuldig ist. Manch einer glaubt seiner Ehre, seiner Liebe zu sterben, und stirbt doch lediglich seiner krassen Selbstsucht, und über seinem Hügel weint die echte Liebe, der Eltern und Geschwister Liebe, die dem Verirrten auch in die Waldesgründe nachgeht und das einsame Grab mit Stein, Kreuz und Kränzen schmückt.

Die Grabinschrift, von der Berdrow berichtet, befindet sich heute dort nicht mehr.

Wie mir freundlicherweise ein Leser dieser Website per eMail mitgeteilt hat, befindet sich ein Grabstein mit der oben von Berdrow zitierten Inschrift heute im Garten des Kleistmuseum in Frankfurt an der Oder. Er liegt neben einem Grabkreuz der Schwester von Kleist, Ulrike, und einem Stein von Kleist seinem Lehrer. Ob es der Original-Stein vom Grab am Kleinen Wannsee oder eine Nachbildung ist, ist dem Leser nicht bekannt. Dieses Foto hat er mir von diesem Grabstein übermittelt:

2011 Frankfurt-O Kleistmusum P1290420_Kleistgrab (1)

Matthäus. 6, Vers 12: “Und vergib uns unsere Schuld, wie wir unseren Schuldigern vergeben. Hinweis: Kleist wurde laut Kirchenbuch am 18. Oktober und nach eigener Angabe am 10. Oktober geboren, jedoch 1777 und nicht 1776, wie auf dem Stein offenbar falsch eingemeiselt ist.

Am 28. Januar 2007 hatten wir mit unserem „Lauftreff Grunewald“ das Grab besucht.

 

 

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